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Service Achensee FAQ's
Die Steilspirale
"Tapferkeit ist ein Anfall, der bei den meisten schnell
vorübergeht."
Mark Twain
Spiralen ist in!
Und das nicht nur bei Profis und Könnern.
Jeder der fliegt wird mit diesem Thema konfrontiert. Und
dies sehr bald schon!
Sei es im Theorieunterricht in der Ausbildung beim Thema
Abstiegshilfen, oder in der Praxis im Übungsgelände
bei den ersten Höhenflügen.
Weil genau diese Flugfigur eine der Phänomene ist,
welche die anderen Flieger-Kollegen zu jeder Tageszeit in
den Himmel zaubern, und das eben nicht nur unter einer furchterregenden
CB-Decke.
Die Frage die sich jetzt der werdende Pilot stellt, ist
schlicht und ergreifend: Warum tun die das, wenn keine dringende
Notwendigkeit besteht?
Ebenso schlicht könnte die Antwort ausfallen: Profilneurotiker,
Geschwindigkeitsjunkies, oder, und da sind wir auch schon
beim fundamentalen Gefühl des Gleitschirmfliegens:
weil’s ihnen Spaß macht!
Schnell ist der Samen im heranwachsenden Fliegerherz gepflanzt:
DAS will ich auch können! Die Flugfigur sieht cool
aus und: Fun und Anerkennung scheinen gewiss!
Tja, und jetzt geht’s auch schon los: entweder autodidaktisch
in freier Wildbahn, oder eben unter dem wachsamen Auge eines
Meisters in einem Fortbildungs-Seminar!
Zitat eines Autodidakten:
„Ich hatte nach meinen ersten Versuchen leichte Kreislaufbeschwerden,
was unter anderem wohl auch daran lag, dass ich die Spirale
mit viel zu hohen Sinkwerten geflogen bin. Bei den ersten
Spiralversuchen hatte ich unter anderem das Problem, dass
ich stabil drin blieb als ich die Innenbremse nachließ,
und dann wusste ich nicht genau, wie ich da wieder raus
komme. Hat zum Glück aber doch noch geklappt.“
Fast so alt wie das Gleitschirmfliegen selbst sind hier,
nicht nur für Meister sondern auch für ihre Novizen,
die zwei Fragen:
1. Wo soll die Spirale gelernt und trainiert werden, über
Grund oder Wasser?
„Über Wasser!“, rufen die Sicherheitstrainingscenter
(klar die haben ja nen See!), „warum nicht über
Grund?“, meinen die anderen (wer immer „die
anderen“ auch sein mögen!).
2. Warum soll die Spirale erlernt werden?
Zitat eines Schülers:
„Mit der Spirale geht es mir wie damals mit dem Rückwärtsstart.
Natürlich lernte ich die Rückwärtsstarttechnik,
um auch bei starkem Wind starten zu können. Aber der
Hauptgrund war, weil ich technisch besser werden wollte
und da war das Üben am Boden ein effektives Hilfsmittel.
Klar ist die Spirale eine Abstiegshilfe, wo ich auf hohe
Sinkwerte komme. Aber wenn ich die mal brauche, dann habe
ich eh schon einen Fehler gemacht und bin noch am Himmel,
wo ich sicherlich nicht mehr sein sollte. Ich möchte
das Spiralfliegen erlernen, weil mir das Spaß macht,
und dieses Training meine fliegerischen Fähigkeiten
schult und verfeinert!“
Ein wenig Statistik:
Meine Erfahrungen beim Sicherheitstraining (etwa 30 pro
Jahr) und speziell im Spiraltraining (bisher 5 Kurse) am
Achensee haben gezeigt, dass von 100 bis 130 geflogenen
Spiralen etwa 4 dabei sind, bei denen ich als Übungsleiter
wirklich froh war, dass sie über Wasser stattgefunden
haben.
Warum, was ist bei „diesen Vieren“ passiert?
Von diesen 4 Spiralern hörte ein Pilot gar nicht mehr
auf, diese Flugfigur zu stoppen, sprich der See verschluckte
ihn (nix passiert!).
Zitat des Teilnehmers:
„Es war so geil, dass ich gar nicht gemerkt habe,
dass ich so schnell Höhe verliere. Ich habe auch überhaupt
nichts mehr von meiner Umgebung mitbekommen!“
Bei zwei von den vier Spiralern war es so, dass sie den
sicheren Hafen (das rettende Ufer) nicht mehr erreichen
konnten, da die Mindesthöhe in ihrem Spiral-Nirwana
nicht mehr wahrgenommen wurde! Sie konnten die Spirale zwar
noch rechtzeitig ausleiten, sind aber dann unmittelbar darauf
im Wasser gelandet. Von mir aufgefordert natürlich
mit dem Rettungsschirm, frei nach dem Motto: „wenn
du schon mal hier beim Sicherheitstraining bist, dann nutze
diese verpatzte Situation auch gleich für diesen Übungsabschnitt!“
Zitat von einem der Beiden:
„Ich habe den Höhenverlust der letzten Vollkreise
voll unterschätzt, und dann war es auch schon zu spät!“
Zu erwähnen ist dann noch die eine unkontrollierte
Ausleitung (starkes Steigen mit anschließendem Schiessen
der Kappe), bei der anschließend das Gerät aufgrund
eines Klappers oder gar Verhängers den Piloten in den
See bohrt. Bestenfalls wird dies mit dem Rettungsschirm
gestoppt!
Zitat des Betroffenen:
„Nie hätte ich es für möglich gehalten,
dass ein Schirm beim Ausleiten der Spirale so steigen kann.
Als mich dann die Kappe seitlich überschoss habe ich
schon gedacht, dass ich anbremse, aber anscheinend doch
zu wenig. Dass der Schirm mit dem Klapper aber anschließend
gleich so stark wegdreht und abspiralt habe ich nicht erwartet
und war echt überfordert!“
Interessant ist an dieser Stelle sicherlich auch, dass
es sich nicht nur um Kategorie 3 Schirme handelt, sondern
auch um „brave Einser und Eins bis Zweier“,
aber dazu später noch ausführlicher!
Natürlich frage ich mich: wie kann dies passieren,
dass nicht nur statistisch gesehen (!), der eine von Hundert
unkontrolliert ins Wasser geht?!
Dafür gibt es bestimmt mehrere Gründe!
Ich werde versuchen, mit Hilfe meiner Teilnehmer bei stattgefundenen
Spiraltrainings (weiterhin in Form von Zitaten), dieser
Frage auf den Grund zu kommen.
Bemerkung: Die Flugfigur Spirale wird im Spiraltraining
am Achensee erst mit Piloten geflogen, die sich zuvor über
folgende Gegebenheiten im Klaren sind:
1. „Wo nichts ist, kann man nichts holen!“
Wie groß ist der Leerweg der Steuerleinen?
D.h. wann werden die Handbewegungen effizient? Leider sind
die laaaangen Steuerwege vieler Schirme hier ein echtes
Manko! Handpositionen zwischen Brusthöhe und 100% Bremsweg
werden von den meisten Piloten als unangenehme Steuerleinenpositionen
empfunden, und deshalb, wenn irgend, möglich gemieden!
Zitat eines Teilnehmers:
„Noch nie ist mir bewusst gewesen, dass dieser Leerweg
mein Fliegen so beeinflusst, jetzt ist mir klar, warum ich
beim Landen immer so schnell bin und meinen Schirm bisher
gar nicht ausflaren konnte!“
2. „Wie man sich bettet so liegt man!“
Was ist die optimale Gurtzeugeinstellung und die dazugehörige
Körperhaltung für diese Flugfigur?
Diskussionen über Vor- und Nachteile verschiedener
Gurtzeugeinstellungen und Gurtzeugtypen (Höhe der Karabineraufhängung,
Brustgurtposition...)!
Als ideal erwiesen hat sich eindeutig eine aufrechte Körperhaltung
mit geöffneten Beinen bei der sich der Pilot in das
Gurtzeug „einspreizen, verkeilen“ kann! Dass
das Gurtzeug nicht zu groß sein darf, und keine zu
aktive Kreuzverstrebung vorliegen sollte, ist selbstverständlich.
Vorsicht bei manchen Frontkontainern, diese können
als Solche wirken!
Zitat eines Teilnehmers:
„Diese aufrechte Körperhaltung war mir zu anfang
äußerst suspekt und erschien mir absolut unkomfortabel.
Nach ein zwei Flügen aber, hatte ich ein sichereres
Fluggefühl damit, und ich bin überrascht wie viel
direkter und schneller ich meinen Schirm spüre!“
3. „Wissen ist die Möglichkeit eine Erfahrung
zu deuten!“
Theorieteil:
• Ausflug in die Aerodynamik und Physik (Klarheit
verschaffen über: Trägheit der Massen, und vor
allem das Bewusstsein schulen, dass wir am Gleitschirm ein
großes Pendel darstellen, wo zwei Massen aufeinander
reagieren und sich beim Pendeln unterstützen können.
Somit entstehen extreme Raumlagen: Pilot schleudert über
Schirm...)
• Vergleich der Abstiegshilfen B-Stall und Spirale
miteinander (welche Sinkwerte sind realistisch und wie schaut’s
mit dem Fliegen dieser Figur in unruhiger Luft aus?)
• Aufklärung in Sachen: Körperbelastungen,
Gefahren und Einsatzmöglichkeiten der Spirale. Hier
kann gar nicht genug gewarnt werden von den enormen körperlichen
Belastungen!
• Tipps für die optimale Vorbereitung und das
Erfliegen dieser Flugfigur. Z.B. Ernährung: viel Wasser
trinken, morgens nicht allzu viel Kaffe oder Nikotin;
Atmung und Muskeleinsatz in der Figur: Bauchatmung bei leicht
angespannter Bauchmuskulatur, somit sackt das Blut in der
Spirale nicht so schnell nach unten ab; Blickkontakttraining
zu bestimmten Punkten in der Figur hilft die Orientierung
zu behalten: Blick zu Fixpunkten wie Innenflügel, Drehpunkt
auf der Erde, Variometer am Oberschenkel, Blick am Innenflügel
vorbei auf die Geländegegebenheiten...etc.)
• Mentale Vorbereitungsübungen wie sich der Spiralansatz
und die Figur selbst wohl anfühlen und anhören
wird.
Vor allem das Erläutern der Begriffe: „Schirm
legt sich auf den Stabilisator“ (einigermaßen
moderate Sinkwerte mit normaler Querneigung) und „Schirm
legt sich auf die Nase und fängt das Bohren an“
(starke Querneigung mit hohen Fliehkräften und Schleuderbewegungen).
Zitat eines Teilnehmers:
„Ich hätte nie erwartet, dass schon wenige Umdrehungen
reichen, um so schnell zu werden. Auch habe ich die Fliehkräfte
auf meinen Körper total unterschätzt. Obwohl mein
alter Schirm eine halbe Kategorie höher eingestuft
war, finde ich, dass mein jetziger Eins bis Zweier wesentlich
schneller, ja möchte fast sagen, aggressiver spiralt!“
Noch ein weiteres Zitat eines Teilnehmers am Ende eines
Spiraltrainings, wo der Pilot etwas anspricht, was interessanter
Weise bei sehr vielen Flieger zutrifft:
„Natürlich ist der B-Stall auch eine gute Abstiegshilfe,
aber ich fühle mich in der Steilspirale bei 10 bis
12 m/s wohler und sicherer als im B-Stall bei 9 m/s.“
Anschließend an die Theorie-Aufklärung und dem
meist regen Diskussionsaustausch unter den Teilnehmern folgt
im Spiraltraining eine praktische Übungsreihe, welche
natürlich in dieser Form nicht immer akribisch durchgeflogen
wird.
Die einzelnen Übungsstufen sind allerdings so aufeinander
abgestimmt, dass ein effizientes Training und Weiterkommen
möglich ist:
1. Gurtzeugübungen (natürlich in ruhiger Luft
mit genügend Bodenabstand und freiem Luftraum): Bei
losgelassenen Steuerleinen nach hinten und vorne beugen,
twisten, Handschuhe an und ausziehen, Helm abnehmen und
wieder aufsetzten...
Zitat eines Übenden:
„Jetzt fliege ich schon so lange und war trotzdem
so aufgeregt bei der Übung: Helm abnehmen und wieder
aufsetzten. Und doch muss ich sagen, es hat auch Spaß
gemacht und mich beruhigt. Außerdem konnte ich diese
Erfahrung am nächsten Tag gleich anwenden, als an meinem
Helmset ein technisches Problem (halb raus gezogener Stecker)
von mir behoben werden musste.“
2. gemäßigtes Rollen
3. Nicken
4. Steuern an den hinteren Gurten, leichte Wingover
5. drei Vollkreise auf Achse: langsam, schnell, langsam
6. Schnelle, harmonische Acht auf Achse, innerhalb 20 bis
25 Sekunden
Zitat einer Achterfliegerin:
„Diese Figur ist zwar völlig unspektakulär,
aber sie macht mir Spaß und ich merke, wie ich sie
immer flüssiger fliegen kann. Komisch, dass ich in
meiner Ausbildung diese Figur so wenig geflogen habe. Erst
in der Prüfung musste ich sie zeigen. Beim privaten
Fliegen bin ich sie dann nie mehr geflogen. Das wird sich
jetzt ändern!“
7. Wingover ohne Steuerleine und vollem Körpereinsatz
(Abstützen der Außenhand an den Tragegurten,
bei eingespreizten Oberschenkeln kann der Innenschenkel
drücken und der Außenschenkel ziehen.
Bemerkung: bei Gurtzeugen welche sich die Beingurte seitlich
hoch schließen lassen ist dies nicht möglich)
8. Wingover mit Steuerleinen
9. Stützen des Außenflügels im Wingover
10. Spiralansatz, mit Ausleitung über Neutralisierung
des Körpers (gerade sitzen im Gurtzeug) und anschließendem
Schirmabfangen
Zitat eines Übenden:
„Das ist wirklich irre, wie sich mein Schirm sofort
wieder aufrichtet, nachdem ich mich im Spiralansatz auf
die Außenseite des Sitzbrettes bringe!“
11. Spiralansatz, mit Ausleitung über Außenbremse
und anschließendem Schirmabfangen
Zitat eines Übenden:
„Da reicht schon ein Millimeter Außenbremse
und es wird langsamer! Das ist toll, dass ich das weiß!
Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht zuviel Steuerleine
ziehe – gar nicht so einfach!“
12. Einleitung der Spirale über den Wingover, Nicken,
wellenförmiges Kurvenfliegen und über den Vollkreis
Zitat einer Teilnehmerin, die einen großen Unterschied
festgestellt hat, wenn sie die Spirale über den Wingover
oder den Vollkreis einleitet:
„Das ist komisch! Gehe ich über einen Wingover
rein, habe ich das Gefühl mein Schirm hakt so nach
unten ab und ist gleich viel schneller. Bei der Einleitung
der Spirale über Vollkreise ist der Übergang viel
gleichmäßiger, flüssiger und für mich
besser zu kontrollieren!“
13. Spiraldrehung mit Sinkwerten bis 10 m/s
14. Spiraldrehung mit Sinkwerten bis 14 m/s
15. Kennenlernen der Dosierung und des Einsatzes: Innenbremse,
Körperpositionierung, Außenbremse im Wechselspiel
zu- und miteinander
16. Ausleitung ohne Steigen des Schirmes, auf Achse gegen
den Wind, mit eventuellem Nachdrücken der Innenbremse
Zurück zur Frage:
Warum geht eine von Hundert Spiralen in die Hose (ins Wasser)?
Drei Antworten:
1. Die Spiraler oder Spiralerinnen nehmen einfach nicht
war, dass es langsam eng wird.
2. Die Piloten sind plötzlich in ihren Handlungen blockiert.
3. Die Spiraler werden von Irgendetwas völlig überrascht!
Was könnten die Gründe sein?
Die Sinnesorgane schwächeln oder versagen ganz und
somit wird der Ernst der Lage falsch eingeschätzt.
Jetzt werden wichtige Handlungsbefehle ans Gehirn nicht
weitergegeben!
„Ein Unglück kommt selten allein!“
An dieser Stelle sicherlich erwähnenswert ist das sportliche
Verhalten mancher Gleitschirme (auch im Kategorie 1 Bereich),
wenn sie sich, schon auf dem Stabilo liegend plötzlich
auf die Nase legen und nach unten wegbohren.
Diese Eigenart wird häufig durch ein Nachlassen der
Innenbremse in der Spirale verursacht. Der Spiralende ist
der Meinung, dass er durch das Nachlassen der Innenbremse
die Figur ausleitet, und erschrickt nun über die zusätzliche
Fahrtaufnahme des Flügels. Die Schrecksekunden nutzt
der Schirm dazu, jetzt erst mal richtig Gas zu geben. Und
spätestens hier bräuchte das System eine harte
Hand (Körper nach außen und deutliche Bremse!).
Die Schirme sind augenblicklich auf 16 m/s und mehr, und
der Pilot ist jetzt wirklich gefordert (manchmal eben überfordert)!
Dieses Verhaltensmuster findet man auch manchmal schon beim
bloßen Einleiten der Figur!
„Wer nicht hören will, muss fühlen!“
Ein Blick auf die Sinnesorgane, die bei dieser Flugfigur
häufig in Mitleidenschaft gezogen werden:
Das Hören.
Die Lehrerstimme über Funk wird entweder zum Rauschen,
da die Spiralgeräusche alles übertönen, oder
das: „Spirale ausleiten! Geh auf die Außenbremse!
Schau auf deine Mindesthöhe Werner, Spirale über
die Außenbremse sofort ausleiten!!!“ wird zwar
gehört, aber es erfolgt keine Reaktion des Übenden.
Selbst bei funktionierenden eingebauten Helmsets, wie wir
sie am Achensee benutzen ist dieses Phänomen (Häschen
– Schlange – Effekt, Angstblockade) zu beobachten.
Zitat eines Teilnehmers:
„Obwohl ich deine Stimme gehört habe, war es
wie durch einen Schleier hindurch und ich habe nicht reagiert.
Ich verstehe nicht warum, aber es ist so!“
Das Sehen.
Hier verhält es sich wie beim Hören, durch die
hohe körperliche Belastung geht alles viel zu schnell
und die Wahrnehmung hinkt hinter her, wird eingeschränkt
oder fällt gar ganz aus!
Dazu kommt, dass über Wasser das Einschätzen der
Höhe erschwert wird. (Ob dies allerdings über
Wald leichter fällt sei dahingestellt!)
Zitat eines Teilnehmers:
„Nach wenigen Umdrehungen schränkte sich mein
Gesichtsfeld ein und ich hatte das Gefühl eines Tunnelblicks.
Erst durch den Einsatz der Außenbremse, und der damit
verbundenen Verlangsamung der Drehung, konnte ich wieder
realisieren Was eigentlich Wo ist!“
„Vorsicht ist die Mutter der Porzellan-Kiste!“
Ich bin kein Mediziner, aber am eigenen Leib habe ich schon
erlebt, wie durch die hohen Sink- und Schleuderwerte das
wohl wichtigste Sinnesorgan, das Sehen sich in der Steilspirale
in dieser Reihenfolge verabschiedet hat: Tunnelblick mit
eingeschränktem Gesichtsfeld, schwarzweiß Pixel,
Schwarz vor Augen.
Zur Ohnmacht ist es dann nicht mehr arg weit und es bedarf
wenig Fantasie, sich vorzustellen, WIE dieser Spiralsturz
wohl enden wird. Denn das WO ist bei Sinkwerten um die 19
m/s und den dazugehörigen Bahngeschwindigkeiten von
über (!!!) 100 km/h ziemlich egal!
Lassen wir gedanklich eine Wassermelone aus 25 Metern Höhe
auf eine Asphaltstrasse fallen, bekommen wir eine etwaige
Vorstellung des Desasters.
„Wir sind gewohnt zu denken, dass die Menschen die
mutig sind, sich vor nichts fürchten. Aber in Wirklichkeit
sind sie mit der Furcht sehr vertraut!“
Pema Chödrön, buddhistische Nonne
Spiralen lernt man natürlich indem man Spiralen fliegt!
Oder anders gesagt: Üben, üben, üben! Und
dies mit Verstand und Gefühl!
Wie sagt schon ein sehr geschätzter Lehrerkollege von
mir: „Bevor du auf Wanderschaft gehst, solltest du
lernen die Schuhe zu binden!“ Dazu gehören die
oben erwähnten Übungen und eine gehörige
Portion Theorie, also Zeit, Geduld und natürlich auch
Geld.
Ob das Erlernen der Spirale über Wasser gehört,
muss schlicht und ergreifend jeder für sich selbst
beantworten, denn selbst ist der Mann oder die Frau oder
der Pilot!
„ Der Sturz kommt wie immer vor dem Fall!“
Meist ist das Einleiten (abgesehen vom grobmotorisch erzwungenen
Strömungsabriss), und das Erfliegen irgendwelcher mehr
oder weniger kontrollierter Sinkwerte in der Spirale nicht
das Problem.
„Aber Hallo, jetzt kommt’s!“
Hohe Sinkwerte (über 14 m/s), oder gar stabile Spiralen
gehen meist den unkontrollierten Ausleitungen voraus, und
führen dann zu wirklich gefechtsmäßigen
Verhaltensmustern der Gleitschirme. Und da muss man nicht
erst in die hohen Kategorien gehen.
Bei zu schneller Ausleitung wird die kinetische Energie
(Bewegungsenergie) in Höhe umgesetzt. Ein regelrechter
Steilflug folgt, bei dem sich der Schirm weit hinter dem
Piloten befindet. Mit der Folge dass die Schirme anschließend
extrem schießen, da die Pilotenkörper mit dem
Gleitschirm jetzt in Pendel-Resonanz kommen (das nach vorne
Schießen der Kappe wird vom zurückpendelnden
Piloten unterstützt und verstärkt). Mit dieser
extremen Dynamik sind die Schirme dann, wegen ihrer weit
vor oder gar unter dem Piloten liegenden Raumlage, für
alle weiteren Sauereien offen. Sprich Klapper oder gar Verhänger
folgen! Und im schlimmsten aller Fälle geht’s
jetzt wieder dahin wo wir hergekommen sind: zur Spirale.
Aber dieses Mal bestimmt in den Spiral-Absturz, mit deutlichem
auf die Nase legen und mehr als sportlichen Sink- und Schleuderwerten.
Dies nun zu stoppen ist für unseren Gedanken-Probanten
unmöglich, und hoffentlich verfügt er jetzt wenigsten
über den klaren Gedanken, und auch über die Entschlussfreudigkeit
das Rettungssystem zu aktivieren!
Denn das Second Chance stoppt erst einmal die Rotation und
unser unfreiwilliger Ketten-Karussell-Aspirant ist aus unmittelbarer
Lebensgefahr!
Die Antwort eines Teilnehmers auf die Frage warum er zum
Training über Wasser gekommen ist:
„Das Erlernen der Steilspirale möchte ich über
Wasser ausführen, da gerade die Ausleitung das "A"
und "O" ist. Eine falsche Ausleitung könnte
eine Verkettung von mehreren "Worstcase Flugfiguren"
auslösen. Worstcase heißt für mich: Nur
noch die Rettung rettet mich.
Trainiere ich über Grund und es geht etwas schief,
lande ich in einem Baum, somit wird sicherlich ein Teil
der Energie vernichtet, aber nicht alles, außer wir
haben Gummibäume. Ich bin froh, dass ich hier über
Wasser arbeiten kann, da die Übung wesentlich entspannter
verläuft. Somit ist der Kopf für die ganze Flugfigur
und speziell für die Ausleitung frei. Gerade diese
mentale Freiheit und Sicherheit reduziert Stress und mögliche
Blockaden, da doch manchmal Sekunden für uns Flieger
entscheidend sind.“
Gretchenfrage!
Hier sei die Abschluss-Frage an den Leser erlaubt, und er
möge mir nicht böse sein wenn ich ihm provozierend
versuche zu entlocken:
„Was ist deine Motivation diese Figur zu fliegen bzw,
zu erlernen?“
Die Antwort eines Schülers, auf genau diese Frage
zu Beginn des letzten Spiraltrainings hat mich sehr erfreut,
und dazu ermuntert dieses spezielle Training weiter anzubieten:
„Mein Ziel ist die Steilspirale zu fliegen, mit Sinkwerten
die ich vorgebe, und einer kontrollierten Ein- und Ausleitung.
Dabei möchte ich in der Flugfigur zu jederzeit den
Luftraum und die Erde unter mir im Auge haben und Veränderungen
wahrnehmen, um gegebenenfalls auf sie zu reagieren. Und
das alles nicht nur in ruhiger, sondern auch irgendwann
einmal in turbulenten Luftmassen!
Ich weiß, dass ich dazu Zeit brauche und viel Üben
muss. Aber es ist spannend und schön, immer mehr über
diese Figur, über meinen Schirm, über mich und
über die Luft in der ich mich bewege zu erfahren.
Ach ja, ich habe zwar erst ein paar vorsichtige Drehungen
geflogen, aber ich bin überzeugt davon, dass mir das
Spirale fliegen einfach einen tierischen Spaß machen
wird!“
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