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Die Steilspirale

"Tapferkeit ist ein Anfall, der bei den meisten schnell vorübergeht."
Mark Twain

Spiralen ist in!
Und das nicht nur bei Profis und Könnern.
Jeder der fliegt wird mit diesem Thema konfrontiert. Und dies sehr bald schon!
Sei es im Theorieunterricht in der Ausbildung beim Thema Abstiegshilfen, oder in der Praxis im Übungsgelände bei den ersten Höhenflügen.
Weil genau diese Flugfigur eine der Phänomene ist, welche die anderen Flieger-Kollegen zu jeder Tageszeit in den Himmel zaubern, und das eben nicht nur unter einer furchterregenden CB-Decke.

Die Frage die sich jetzt der werdende Pilot stellt, ist schlicht und ergreifend: Warum tun die das, wenn keine dringende Notwendigkeit besteht?
Ebenso schlicht könnte die Antwort ausfallen: Profilneurotiker, Geschwindigkeitsjunkies, oder, und da sind wir auch schon beim fundamentalen Gefühl des Gleitschirmfliegens: weil’s ihnen Spaß macht!

Schnell ist der Samen im heranwachsenden Fliegerherz gepflanzt: DAS will ich auch können! Die Flugfigur sieht cool aus und: Fun und Anerkennung scheinen gewiss!

Tja, und jetzt geht’s auch schon los: entweder autodidaktisch in freier Wildbahn, oder eben unter dem wachsamen Auge eines Meisters in einem Fortbildungs-Seminar!
Zitat eines Autodidakten:
„Ich hatte nach meinen ersten Versuchen leichte Kreislaufbeschwerden, was unter anderem wohl auch daran lag, dass ich die Spirale mit viel zu hohen Sinkwerten geflogen bin. Bei den ersten Spiralversuchen hatte ich unter anderem das Problem, dass ich stabil drin blieb als ich die Innenbremse nachließ, und dann wusste ich nicht genau, wie ich da wieder raus komme. Hat zum Glück aber doch noch geklappt.“

Fast so alt wie das Gleitschirmfliegen selbst sind hier, nicht nur für Meister sondern auch für ihre Novizen, die zwei Fragen:

1. Wo soll die Spirale gelernt und trainiert werden, über Grund oder Wasser?
„Über Wasser!“, rufen die Sicherheitstrainingscenter (klar die haben ja nen See!), „warum nicht über Grund?“, meinen die anderen (wer immer „die anderen“ auch sein mögen!).

2. Warum soll die Spirale erlernt werden?
Zitat eines Schülers:
„Mit der Spirale geht es mir wie damals mit dem Rückwärtsstart. Natürlich lernte ich die Rückwärtsstarttechnik, um auch bei starkem Wind starten zu können. Aber der Hauptgrund war, weil ich technisch besser werden wollte und da war das Üben am Boden ein effektives Hilfsmittel.
Klar ist die Spirale eine Abstiegshilfe, wo ich auf hohe Sinkwerte komme. Aber wenn ich die mal brauche, dann habe ich eh schon einen Fehler gemacht und bin noch am Himmel, wo ich sicherlich nicht mehr sein sollte. Ich möchte das Spiralfliegen erlernen, weil mir das Spaß macht, und dieses Training meine fliegerischen Fähigkeiten schult und verfeinert!“

Ein wenig Statistik:
Meine Erfahrungen beim Sicherheitstraining (etwa 30 pro Jahr) und speziell im Spiraltraining (bisher 5 Kurse) am Achensee haben gezeigt, dass von 100 bis 130 geflogenen Spiralen etwa 4 dabei sind, bei denen ich als Übungsleiter wirklich froh war, dass sie über Wasser stattgefunden haben.
Warum, was ist bei „diesen Vieren“ passiert?

Von diesen 4 Spiralern hörte ein Pilot gar nicht mehr auf, diese Flugfigur zu stoppen, sprich der See verschluckte ihn (nix passiert!).
Zitat des Teilnehmers:
„Es war so geil, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass ich so schnell Höhe verliere. Ich habe auch überhaupt nichts mehr von meiner Umgebung mitbekommen!“

Bei zwei von den vier Spiralern war es so, dass sie den sicheren Hafen (das rettende Ufer) nicht mehr erreichen konnten, da die Mindesthöhe in ihrem Spiral-Nirwana nicht mehr wahrgenommen wurde! Sie konnten die Spirale zwar noch rechtzeitig ausleiten, sind aber dann unmittelbar darauf im Wasser gelandet. Von mir aufgefordert natürlich mit dem Rettungsschirm, frei nach dem Motto: „wenn du schon mal hier beim Sicherheitstraining bist, dann nutze diese verpatzte Situation auch gleich für diesen Übungsabschnitt!“
Zitat von einem der Beiden:
„Ich habe den Höhenverlust der letzten Vollkreise voll unterschätzt, und dann war es auch schon zu spät!“

Zu erwähnen ist dann noch die eine unkontrollierte Ausleitung (starkes Steigen mit anschließendem Schiessen der Kappe), bei der anschließend das Gerät aufgrund eines Klappers oder gar Verhängers den Piloten in den See bohrt. Bestenfalls wird dies mit dem Rettungsschirm gestoppt!
Zitat des Betroffenen:
„Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ein Schirm beim Ausleiten der Spirale so steigen kann. Als mich dann die Kappe seitlich überschoss habe ich schon gedacht, dass ich anbremse, aber anscheinend doch zu wenig. Dass der Schirm mit dem Klapper aber anschließend gleich so stark wegdreht und abspiralt habe ich nicht erwartet und war echt überfordert!“

Interessant ist an dieser Stelle sicherlich auch, dass es sich nicht nur um Kategorie 3 Schirme handelt, sondern auch um „brave Einser und Eins bis Zweier“, aber dazu später noch ausführlicher!

Natürlich frage ich mich: wie kann dies passieren, dass nicht nur statistisch gesehen (!), der eine von Hundert unkontrolliert ins Wasser geht?!

Dafür gibt es bestimmt mehrere Gründe!
Ich werde versuchen, mit Hilfe meiner Teilnehmer bei stattgefundenen Spiraltrainings (weiterhin in Form von Zitaten), dieser Frage auf den Grund zu kommen.

Bemerkung: Die Flugfigur Spirale wird im Spiraltraining am Achensee erst mit Piloten geflogen, die sich zuvor über folgende Gegebenheiten im Klaren sind:

1. „Wo nichts ist, kann man nichts holen!“
Wie groß ist der Leerweg der Steuerleinen?

D.h. wann werden die Handbewegungen effizient? Leider sind die laaaangen Steuerwege vieler Schirme hier ein echtes Manko! Handpositionen zwischen Brusthöhe und 100% Bremsweg werden von den meisten Piloten als unangenehme Steuerleinenpositionen empfunden, und deshalb, wenn irgend, möglich gemieden!
Zitat eines Teilnehmers:
„Noch nie ist mir bewusst gewesen, dass dieser Leerweg mein Fliegen so beeinflusst, jetzt ist mir klar, warum ich beim Landen immer so schnell bin und meinen Schirm bisher gar nicht ausflaren konnte!“

2. „Wie man sich bettet so liegt man!“
Was ist die optimale Gurtzeugeinstellung und die dazugehörige Körperhaltung für diese Flugfigur?

Diskussionen über Vor- und Nachteile verschiedener Gurtzeugeinstellungen und Gurtzeugtypen (Höhe der Karabineraufhängung, Brustgurtposition...)!
Als ideal erwiesen hat sich eindeutig eine aufrechte Körperhaltung mit geöffneten Beinen bei der sich der Pilot in das Gurtzeug „einspreizen, verkeilen“ kann! Dass das Gurtzeug nicht zu groß sein darf, und keine zu aktive Kreuzverstrebung vorliegen sollte, ist selbstverständlich. Vorsicht bei manchen Frontkontainern, diese können als Solche wirken!
Zitat eines Teilnehmers:
„Diese aufrechte Körperhaltung war mir zu anfang äußerst suspekt und erschien mir absolut unkomfortabel. Nach ein zwei Flügen aber, hatte ich ein sichereres Fluggefühl damit, und ich bin überrascht wie viel direkter und schneller ich meinen Schirm spüre!“

3. „Wissen ist die Möglichkeit eine Erfahrung zu deuten!“
Theorieteil:

• Ausflug in die Aerodynamik und Physik (Klarheit verschaffen über: Trägheit der Massen, und vor allem das Bewusstsein schulen, dass wir am Gleitschirm ein großes Pendel darstellen, wo zwei Massen aufeinander reagieren und sich beim Pendeln unterstützen können. Somit entstehen extreme Raumlagen: Pilot schleudert über Schirm...)

• Vergleich der Abstiegshilfen B-Stall und Spirale miteinander (welche Sinkwerte sind realistisch und wie schaut’s mit dem Fliegen dieser Figur in unruhiger Luft aus?)

• Aufklärung in Sachen: Körperbelastungen, Gefahren und Einsatzmöglichkeiten der Spirale. Hier kann gar nicht genug gewarnt werden von den enormen körperlichen Belastungen!

• Tipps für die optimale Vorbereitung und das Erfliegen dieser Flugfigur. Z.B. Ernährung: viel Wasser trinken, morgens nicht allzu viel Kaffe oder Nikotin;
Atmung und Muskeleinsatz in der Figur: Bauchatmung bei leicht angespannter Bauchmuskulatur, somit sackt das Blut in der Spirale nicht so schnell nach unten ab; Blickkontakttraining zu bestimmten Punkten in der Figur hilft die Orientierung zu behalten: Blick zu Fixpunkten wie Innenflügel, Drehpunkt auf der Erde, Variometer am Oberschenkel, Blick am Innenflügel vorbei auf die Geländegegebenheiten...etc.)

• Mentale Vorbereitungsübungen wie sich der Spiralansatz und die Figur selbst wohl anfühlen und anhören wird.
Vor allem das Erläutern der Begriffe: „Schirm legt sich auf den Stabilisator“ (einigermaßen moderate Sinkwerte mit normaler Querneigung) und „Schirm legt sich auf die Nase und fängt das Bohren an“ (starke Querneigung mit hohen Fliehkräften und Schleuderbewegungen).

Zitat eines Teilnehmers:
„Ich hätte nie erwartet, dass schon wenige Umdrehungen reichen, um so schnell zu werden. Auch habe ich die Fliehkräfte auf meinen Körper total unterschätzt. Obwohl mein alter Schirm eine halbe Kategorie höher eingestuft war, finde ich, dass mein jetziger Eins bis Zweier wesentlich schneller, ja möchte fast sagen, aggressiver spiralt!“

Noch ein weiteres Zitat eines Teilnehmers am Ende eines Spiraltrainings, wo der Pilot etwas anspricht, was interessanter Weise bei sehr vielen Flieger zutrifft:
„Natürlich ist der B-Stall auch eine gute Abstiegshilfe, aber ich fühle mich in der Steilspirale bei 10 bis 12 m/s wohler und sicherer als im B-Stall bei 9 m/s.“

Anschließend an die Theorie-Aufklärung und dem meist regen Diskussionsaustausch unter den Teilnehmern folgt im Spiraltraining eine praktische Übungsreihe, welche natürlich in dieser Form nicht immer akribisch durchgeflogen wird.
Die einzelnen Übungsstufen sind allerdings so aufeinander abgestimmt, dass ein effizientes Training und Weiterkommen möglich ist:
1. Gurtzeugübungen (natürlich in ruhiger Luft mit genügend Bodenabstand und freiem Luftraum): Bei losgelassenen Steuerleinen nach hinten und vorne beugen, twisten, Handschuhe an und ausziehen, Helm abnehmen und wieder aufsetzten...
Zitat eines Übenden:
„Jetzt fliege ich schon so lange und war trotzdem so aufgeregt bei der Übung: Helm abnehmen und wieder aufsetzten. Und doch muss ich sagen, es hat auch Spaß gemacht und mich beruhigt. Außerdem konnte ich diese Erfahrung am nächsten Tag gleich anwenden, als an meinem Helmset ein technisches Problem (halb raus gezogener Stecker) von mir behoben werden musste.“
2. gemäßigtes Rollen
3. Nicken
4. Steuern an den hinteren Gurten, leichte Wingover
5. drei Vollkreise auf Achse: langsam, schnell, langsam
6. Schnelle, harmonische Acht auf Achse, innerhalb 20 bis 25 Sekunden
Zitat einer Achterfliegerin:
„Diese Figur ist zwar völlig unspektakulär, aber sie macht mir Spaß und ich merke, wie ich sie immer flüssiger fliegen kann. Komisch, dass ich in meiner Ausbildung diese Figur so wenig geflogen habe. Erst in der Prüfung musste ich sie zeigen. Beim privaten Fliegen bin ich sie dann nie mehr geflogen. Das wird sich jetzt ändern!“
7. Wingover ohne Steuerleine und vollem Körpereinsatz (Abstützen der Außenhand an den Tragegurten, bei eingespreizten Oberschenkeln kann der Innenschenkel drücken und der Außenschenkel ziehen.
Bemerkung: bei Gurtzeugen welche sich die Beingurte seitlich hoch schließen lassen ist dies nicht möglich)
8. Wingover mit Steuerleinen
9. Stützen des Außenflügels im Wingover
10. Spiralansatz, mit Ausleitung über Neutralisierung des Körpers (gerade sitzen im Gurtzeug) und anschließendem Schirmabfangen
Zitat eines Übenden:
„Das ist wirklich irre, wie sich mein Schirm sofort wieder aufrichtet, nachdem ich mich im Spiralansatz auf die Außenseite des Sitzbrettes bringe!“
11. Spiralansatz, mit Ausleitung über Außenbremse und anschließendem Schirmabfangen
Zitat eines Übenden:
„Da reicht schon ein Millimeter Außenbremse und es wird langsamer! Das ist toll, dass ich das weiß! Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht zuviel Steuerleine ziehe – gar nicht so einfach!“
12. Einleitung der Spirale über den Wingover, Nicken, wellenförmiges Kurvenfliegen und über den Vollkreis
Zitat einer Teilnehmerin, die einen großen Unterschied festgestellt hat, wenn sie die Spirale über den Wingover oder den Vollkreis einleitet:
„Das ist komisch! Gehe ich über einen Wingover rein, habe ich das Gefühl mein Schirm hakt so nach unten ab und ist gleich viel schneller. Bei der Einleitung der Spirale über Vollkreise ist der Übergang viel gleichmäßiger, flüssiger und für mich besser zu kontrollieren!“
13. Spiraldrehung mit Sinkwerten bis 10 m/s
14. Spiraldrehung mit Sinkwerten bis 14 m/s
15. Kennenlernen der Dosierung und des Einsatzes: Innenbremse, Körperpositionierung, Außenbremse im Wechselspiel zu- und miteinander
16. Ausleitung ohne Steigen des Schirmes, auf Achse gegen den Wind, mit eventuellem Nachdrücken der Innenbremse

Zurück zur Frage:
Warum geht eine von Hundert Spiralen in die Hose (ins Wasser)?

Drei Antworten:
1. Die Spiraler oder Spiralerinnen nehmen einfach nicht war, dass es langsam eng wird.
2. Die Piloten sind plötzlich in ihren Handlungen blockiert.
3. Die Spiraler werden von Irgendetwas völlig überrascht!


Was könnten die Gründe sein?
Die Sinnesorgane schwächeln oder versagen ganz und somit wird der Ernst der Lage falsch eingeschätzt. Jetzt werden wichtige Handlungsbefehle ans Gehirn nicht weitergegeben!

„Ein Unglück kommt selten allein!“
An dieser Stelle sicherlich erwähnenswert ist das sportliche Verhalten mancher Gleitschirme (auch im Kategorie 1 Bereich), wenn sie sich, schon auf dem Stabilo liegend plötzlich auf die Nase legen und nach unten wegbohren.
Diese Eigenart wird häufig durch ein Nachlassen der Innenbremse in der Spirale verursacht. Der Spiralende ist der Meinung, dass er durch das Nachlassen der Innenbremse die Figur ausleitet, und erschrickt nun über die zusätzliche Fahrtaufnahme des Flügels. Die Schrecksekunden nutzt der Schirm dazu, jetzt erst mal richtig Gas zu geben. Und spätestens hier bräuchte das System eine harte Hand (Körper nach außen und deutliche Bremse!). Die Schirme sind augenblicklich auf 16 m/s und mehr, und der Pilot ist jetzt wirklich gefordert (manchmal eben überfordert)!
Dieses Verhaltensmuster findet man auch manchmal schon beim bloßen Einleiten der Figur!

„Wer nicht hören will, muss fühlen!“
Ein Blick auf die Sinnesorgane, die bei dieser Flugfigur häufig in Mitleidenschaft gezogen werden:

Das Hören.
Die Lehrerstimme über Funk wird entweder zum Rauschen, da die Spiralgeräusche alles übertönen, oder das: „Spirale ausleiten! Geh auf die Außenbremse! Schau auf deine Mindesthöhe Werner, Spirale über die Außenbremse sofort ausleiten!!!“ wird zwar gehört, aber es erfolgt keine Reaktion des Übenden. Selbst bei funktionierenden eingebauten Helmsets, wie wir sie am Achensee benutzen ist dieses Phänomen (Häschen – Schlange – Effekt, Angstblockade) zu beobachten.
Zitat eines Teilnehmers:
„Obwohl ich deine Stimme gehört habe, war es wie durch einen Schleier hindurch und ich habe nicht reagiert. Ich verstehe nicht warum, aber es ist so!“

Das Sehen.
Hier verhält es sich wie beim Hören, durch die hohe körperliche Belastung geht alles viel zu schnell und die Wahrnehmung hinkt hinter her, wird eingeschränkt oder fällt gar ganz aus!
Dazu kommt, dass über Wasser das Einschätzen der Höhe erschwert wird. (Ob dies allerdings über Wald leichter fällt sei dahingestellt!)
Zitat eines Teilnehmers:
„Nach wenigen Umdrehungen schränkte sich mein Gesichtsfeld ein und ich hatte das Gefühl eines Tunnelblicks. Erst durch den Einsatz der Außenbremse, und der damit verbundenen Verlangsamung der Drehung, konnte ich wieder realisieren Was eigentlich Wo ist!“

„Vorsicht ist die Mutter der Porzellan-Kiste!“
Ich bin kein Mediziner, aber am eigenen Leib habe ich schon erlebt, wie durch die hohen Sink- und Schleuderwerte das wohl wichtigste Sinnesorgan, das Sehen sich in der Steilspirale in dieser Reihenfolge verabschiedet hat: Tunnelblick mit eingeschränktem Gesichtsfeld, schwarzweiß Pixel, Schwarz vor Augen.
Zur Ohnmacht ist es dann nicht mehr arg weit und es bedarf wenig Fantasie, sich vorzustellen, WIE dieser Spiralsturz wohl enden wird. Denn das WO ist bei Sinkwerten um die 19 m/s und den dazugehörigen Bahngeschwindigkeiten von über (!!!) 100 km/h ziemlich egal!
Lassen wir gedanklich eine Wassermelone aus 25 Metern Höhe auf eine Asphaltstrasse fallen, bekommen wir eine etwaige Vorstellung des Desasters.

„Wir sind gewohnt zu denken, dass die Menschen die mutig sind, sich vor nichts fürchten. Aber in Wirklichkeit sind sie mit der Furcht sehr vertraut!“
Pema Chödrön, buddhistische Nonne

Spiralen lernt man natürlich indem man Spiralen fliegt!
Oder anders gesagt: Üben, üben, üben! Und dies mit Verstand und Gefühl!
Wie sagt schon ein sehr geschätzter Lehrerkollege von mir: „Bevor du auf Wanderschaft gehst, solltest du lernen die Schuhe zu binden!“ Dazu gehören die oben erwähnten Übungen und eine gehörige Portion Theorie, also Zeit, Geduld und natürlich auch Geld.
Ob das Erlernen der Spirale über Wasser gehört, muss schlicht und ergreifend jeder für sich selbst beantworten, denn selbst ist der Mann oder die Frau oder der Pilot!

„ Der Sturz kommt wie immer vor dem Fall!“
Meist ist das Einleiten (abgesehen vom grobmotorisch erzwungenen Strömungsabriss), und das Erfliegen irgendwelcher mehr oder weniger kontrollierter Sinkwerte in der Spirale nicht das Problem.
„Aber Hallo, jetzt kommt’s!“
Hohe Sinkwerte (über 14 m/s), oder gar stabile Spiralen gehen meist den unkontrollierten Ausleitungen voraus, und führen dann zu wirklich gefechtsmäßigen Verhaltensmustern der Gleitschirme. Und da muss man nicht erst in die hohen Kategorien gehen.
Bei zu schneller Ausleitung wird die kinetische Energie (Bewegungsenergie) in Höhe umgesetzt. Ein regelrechter Steilflug folgt, bei dem sich der Schirm weit hinter dem Piloten befindet. Mit der Folge dass die Schirme anschließend extrem schießen, da die Pilotenkörper mit dem Gleitschirm jetzt in Pendel-Resonanz kommen (das nach vorne Schießen der Kappe wird vom zurückpendelnden Piloten unterstützt und verstärkt). Mit dieser extremen Dynamik sind die Schirme dann, wegen ihrer weit vor oder gar unter dem Piloten liegenden Raumlage, für alle weiteren Sauereien offen. Sprich Klapper oder gar Verhänger folgen! Und im schlimmsten aller Fälle geht’s jetzt wieder dahin wo wir hergekommen sind: zur Spirale.
Aber dieses Mal bestimmt in den Spiral-Absturz, mit deutlichem auf die Nase legen und mehr als sportlichen Sink- und Schleuderwerten.
Dies nun zu stoppen ist für unseren Gedanken-Probanten unmöglich, und hoffentlich verfügt er jetzt wenigsten über den klaren Gedanken, und auch über die Entschlussfreudigkeit das Rettungssystem zu aktivieren!
Denn das Second Chance stoppt erst einmal die Rotation und unser unfreiwilliger Ketten-Karussell-Aspirant ist aus unmittelbarer Lebensgefahr!

Die Antwort eines Teilnehmers auf die Frage warum er zum Training über Wasser gekommen ist:
„Das Erlernen der Steilspirale möchte ich über Wasser ausführen, da gerade die Ausleitung das "A" und "O" ist. Eine falsche Ausleitung könnte eine Verkettung von mehreren "Worstcase Flugfiguren" auslösen. Worstcase heißt für mich: Nur noch die Rettung rettet mich.
Trainiere ich über Grund und es geht etwas schief, lande ich in einem Baum, somit wird sicherlich ein Teil der Energie vernichtet, aber nicht alles, außer wir haben Gummibäume. Ich bin froh, dass ich hier über Wasser arbeiten kann, da die Übung wesentlich entspannter verläuft. Somit ist der Kopf für die ganze Flugfigur und speziell für die Ausleitung frei. Gerade diese mentale Freiheit und Sicherheit reduziert Stress und mögliche Blockaden, da doch manchmal Sekunden für uns Flieger entscheidend sind.“

Gretchenfrage!
Hier sei die Abschluss-Frage an den Leser erlaubt, und er möge mir nicht böse sein wenn ich ihm provozierend versuche zu entlocken:
„Was ist deine Motivation diese Figur zu fliegen bzw, zu erlernen?“

Die Antwort eines Schülers, auf genau diese Frage zu Beginn des letzten Spiraltrainings hat mich sehr erfreut, und dazu ermuntert dieses spezielle Training weiter anzubieten:
„Mein Ziel ist die Steilspirale zu fliegen, mit Sinkwerten die ich vorgebe, und einer kontrollierten Ein- und Ausleitung. Dabei möchte ich in der Flugfigur zu jederzeit den Luftraum und die Erde unter mir im Auge haben und Veränderungen wahrnehmen, um gegebenenfalls auf sie zu reagieren. Und das alles nicht nur in ruhiger, sondern auch irgendwann einmal in turbulenten Luftmassen!
Ich weiß, dass ich dazu Zeit brauche und viel Üben muss. Aber es ist spannend und schön, immer mehr über diese Figur, über meinen Schirm, über mich und über die Luft in der ich mich bewege zu erfahren.
Ach ja, ich habe zwar erst ein paar vorsichtige Drehungen geflogen, aber ich bin überzeugt davon, dass mir das Spirale fliegen einfach einen tierischen Spaß machen wird!“





 
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Frage an die Gleitschirmschule Achensee